Scheitern

das Wunschbild vom perfekten Partner
Die Psychologie ist immer zur Stelle, wenn es darum geht, eine Tragödie zu erklären. Partnerschaft, sagt der Psychologe, kann dauerhaft gar nicht funktionieren. Weil der Mensch nicht den Partner sieht und liebt, sondern stets nur seine eigenen Wünsche und Befürchtungen. In zwei Bereichen werden die meisten Menschen schon als Meister geboren: im Verdrängen von Unangenehmen und im sich-Verbeissen auf das Gewünschte. Selbstverständlich hat jeder Mensch Bedürfnisse und Erwartungen an einen Partner. Trifft er nun auf seinem Lebensweg einen Menschen, der annähernd einige davon erfüllen könnte, wird vornehmlich auf diese Punkte geachtet. Beispielsweise: er ist so charmant, so zuverlässig, kann gut mit Kindern umgehen, steht mit beiden Beinen im Leben, hat einen gut bezahlten Job. Übersehen werden geflissentlich jene Bereiche, die weniger attraktiv sind: er hängt mit Freunden bis spät nachts herum, trinkt zuviel, hat einen sehr lockeren Umgang mit anderen Frauen, nimmt es mit dem Gesetz nicht so genau …

Von aussen ist das Spiel oft einfach zu durchschauen: Freunde und Kollegen sehen früh, dass sich die Betroffenen etwas vormachen – die Unterschiede sind grösser als die Gemeinsamkeiten. Aber die Betroffenen selbst wollen es nicht wahrhaben. Zu sehr wünschen sie sich, dass die Beziehung klappt. Kommt noch ein Kinderwunsch dazu, ist es mit der Objektivität sowieso schlecht bestellt. Jeder gut gemeinte Hinweise der Kollegin wird in den Topf ‚Neid’ entsorgt und gleich wieder vergessen. Je nach Alter tragen auch die Hormone tüchtig dazu bei, dass die Rationalität und Objektivität ihren Dienst versagen. Jedoch – früher oder später kommt die Ernüchterung, manchmal nach Monaten, nach Jahren, gelegentlich auch nach Jahrzehnten. Wie Schuppen fällt es einem von den Augen und man fragt sich, wo man all die Zeit nur hingeguckt hat … Das Phänomen des blinden Fleckes.

mangelnde Sorgfalt
Die verschobene Wahrnehmung ist jedoch nicht das einzige Muster, warum Beziehungen zerbrechen. Es finden sich auch Menschen, die tatsächlich gut zusammen passen, die sich trotz Wünschen und selektiver Wahrnehmung einigermassen so sehen, wie sie sind. Die dem anderen auch zugestehen können, nicht genau so zu sein, wie sie ihn gerne hätten. Dann sind schon mal gute Voraussetzungen gegeben. Aber Zuneigung und Toleranz alleine genügen nicht. Eine Beziehung ist wie ein eigenes Wesen – es muss ständig genährt werden. Und genau hierbei scheitern viele Partner. Eine Partnerschaft erfordert viel Aufmerksamkeit, viel Sorgfalt, Hingabe und Achtsamkeit. Aber auch damit ist es noch nicht getan. Darüber hinaus sind Kreativität, Ausdauer, Verständnis und Originalität notwendig, eine Beziehung lebendig zu erhalten. Gerade wenn man sich gut versteht, viele gemeinsame Interessen und Grundwerte hat besteht die Gefahr, dass die Beziehung langweilig wird. Bei Trennungen dieser Art fragt man sich nicht, wo man denn nur hingeguckt hat, sondern, wieso man trotz der vielen Gemeinsamkeiten es nicht geschafft hat, die Beziehung am Leben zu erhalten. Das Phänomen der verpassten Chance.

Leistung und Wahlfreiheit
Erfreulicherweise gibt es tatsächlich Paare, denen das Abenteuer ‚Partnerschaft’ über Jahrzehnte hinweg erfolgreich und erfüllend gelungen ist. Dahinter steckt eine grosse Leistung, die Anerkennung verdient und vielleicht sogar Ansporn sein kann. Allen anderen stellt das Leben eine Wahl. In der alten Situation zu verharren, den Vorteil des Vertrauten zu geniessen auf Kosten der Zufriedenheit. Oder aber, aufzubrechen zu neuen Ufern, das Risiko schmerzhafter Trennung und unglücklichen Alleinseins auf sich zu nehmen – mit der Hoffnung auf eine erfüllendere Beziehung.